Am 7. Januar strahlte das chinesische Staatsfernsehen dramatisches Bildmaterial aus: ein mit Kapuze versehener, in Handschellen gelegter Mann wird in Peking aus einem Flugzeug eskortiert. Der Gefangene war Chen Zhi, der 38-jährige Gründer der kambodschanischen Prince Holding Group, dem vorgeworfen wird, eines der größten Betrugsimperien Asiens betrieben zu haben.
Kambodscha hatte Chen am Tag zuvor festgenommen und ihn nach China ausgeliefert, womit jahrelange Spekulationen darüber endeten, ob der gut vernetzte Tycoon jemals vor Gericht gestellt werden würde. Doch während Chens Untergang die Schlagzeilen beherrscht, bleibt ein weiteres Rätsel: Was ist wirklich mit seinen 15 Milliarden Dollar in Bitcoin passiert?
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Die Rekord-Beschlagnahmung
Als US-Staatsanwälte im Oktober 2025 bekannt gaben, dass sie 127.271 Bitcoin von Chen beschlagnahmt hatten, nannten sie es eine „Rekord"-Kryptowährung-Einziehung. Die USA und Großbritannien koordinierten Sanktionen gegen 146 Einzelpersonen und Unternehmen, die mit der Prince Group in Verbindung stehen – die größte Durchsetzungsmaßnahme gegen Kryptowährung-gestützten Betrug. Die Botschaft schien klar: Die amerikanische Justiz hatte einen Krypto-Kriminellen gefasst.
Doch laut Peking begann die wahre Geschichte fünf Jahre zuvor.
Das chinesische Staatsfernsehen strahlte aus, wie Chen Zhi in Peking aus einem Flugzeug eskortiert wird. Quelle: Aufgenommen aus CCTV-MaterialDer Hack von 2020
Ende Dezember 2020 erlitt Chens Bitcoin-Mining-Pool einen verheerenden Cyberangriff. Mehr als 127.000 Bitcoin – damals rund 4 Milliarden Dollar wert – verschwanden.
Chen war verzweifelt. Laut chinesischen Staatsmedien veröffentlichte er über 1.500 Nachrichten, in denen er massive Belohnungen für die Rückgabe seiner Gelder anbot. Nichts kam zurück.
Dann kam der Oktober 2025. Das US-Justizministerium entsiegelte eine Anklage gegen Chen und gab die Beschlagnahmung von 127.271 Bitcoin bekannt. Die Zahl war nahezu identisch mit dem, was Chen 2020 verloren hatte.
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„Nicht wie sich normale Hacker verhalten"
Im November 2025 veröffentlichte Chinas National Computer Virus Emergency Response Center (CVERC) einen technischen Bericht über den Vorfall. Ihr wichtigster Befund: die gestohlenen Bitcoin blieben fast vier Jahre lang völlig inaktiv, bevor sie Mitte 2024 zu neuen Adressen bewegt wurden.
Die Blockchain-Analyseplattform Arkham Intelligence hatte die Ziel-Wallets als dem Eigentum der US-Regierung zugehörig markiert.
Du Guodong, ein Partner bei der Pekinger Anwaltskanzlei Haotian, sagte einem chinesischen Medienunternehmen, dass die US-Anklage nicht offenlegte, wie die Behörden Chens private Schlüssel erlangt haben. „Dies deutet darauf hin, dass die US-Regierung Chens Bitcoin möglicherweise bereits im Jahr 2020 durch Hacking-Techniken gestohlen hat", sagte er.
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Washingtons Schweigen
Das Justizministerium hat sich nicht zu Chinas Vorwürfen geäußert. Die beim Eastern District of New York eingereichte DOJ-Anklage beschreibt Chens mutmaßliche Verbrechen ausführlich – Betrugsanlagen, Zwangsarbeit, Geldwäsche –, sagt aber nichts darüber, wie die Ermittler auf seine Kryptowährung zugegriffen haben.
Bitcoin erfordert private Schlüssel für Bewegungen. Entweder hat Chen seine Schlüssel ausgehändigt, jemand in seiner Nähe tat es, oder sie wurden auf andere Weise erlangt. Chen hat Boies Schiller Flexner engagiert, um die Beschlagnahmung anzufechten.
„Schwarz frisst Schwarz"
Chinesische Staatsmedien stellen den Fall in klaren Worten dar. Beijing Daily beschrieb die Beschlagnahmung als „黑吃黑 (schwarz frisst schwarz)" – Kriminelle, die andere Kriminelle ausbeuten.
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Die vergessenen Opfer
Im US-China-Streit gehen Tausende von Betrugsopfern verloren. Chens Prince Group soll mindestens 10 Zwangsarbeitslager in Kambodscha betrieben haben, in denen gehandelte Arbeiter zu „Pig-Butchering"-Romance-Scams gezwungen wurden. Das Finanzministerium schätzt, dass südostasiatische Betrugsoperationen im vergangenen Jahr mindestens 10 Milliarden Dollar von amerikanischen Opfern gestohlen haben.
Die beschlagnahmten 15 Milliarden Dollar könnten theoretisch viele Opfer entschädigen. Doch Washington hat keinen Rückerstattungsplan angekündigt.
Kambodscha entzog Chen im Dezember 2025 die Staatsbürgerschaft. Seine Prince Bank wurde zur Liquidation angeordnet. Das Imperium brach in Monaten zusammen.
Ob sich Chinas Vorwürfe als richtig erweisen, wird möglicherweise nie geklärt werden. Aber die Fragen werden bleiben: über staatlich gefördertes Hacking, Krypto-Sicherheit und wer die Regeln im digitalen Finanzsystem kontrolliert.
Fünfzehn Milliarden Dollar liegen nachvollziehbar auf der Blockchain. Der mutmaßliche Betrugs-Boss sitzt hinter Gittern. Doch das Geld verbleibt bei einer Regierung, die laut ihrem Rivalen es möglicherweise ebenfalls gestohlen hat.
Quelle: https://beincrypto.com/us-stole-chinese-scam-kings-15b-bitcoin/


